Seitenwechsel: „Am Ende zählt, ob man sein Handwerk beherrscht“

Sekundenbruchteile entscheiden, und manchmal sind Tausende in der Halle überzeugt, es besser gesehen zu haben. Für eine Schiedsrichterin bedeutet das, Verantwortung zu übernehmen, Fehler auszuhalten und der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. In unserer Serie „Seitenwechsel – Die Frauen hinter den Entscheidungen“ wollen wir mit Kurzinterviews etwas tiefer in die Gedanken und Gefühle der Unparteiischen blicken. Das vierte Interview haben wir mit Ute Zahlten geführt.


Ist Pfeifen besser als Spielen?

In meinem jetzigen Alter – ich werde bald 56 – würde ich sagen: Ja, inzwischen ist Pfeifen besser als Spielen. Ich habe mehr als 30 Jahre gespielt (davon 13 Jahre in der 2. Bundesliga) und während meiner aktiven Zeit immer Spiele geleitet. Beides hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass man die Leistung von früher nicht mehr ganz so einfach aus dem Körper herausholen kann. Der Kopf sagt noch „geht doch“, der Körper antwortet manchmal etwas deutlicher: „Lass das mal lieber!“ Das Schöne am Volleyball ist für mich aber, dass ich dem Sport trotzdem treu bleiben konnte. Als Spielerin und als Schiedsrichterin habe ich unglaublich viele Menschen kennengelernt. Und einige davon begleitet man über Jahrzehnte. Man erlebt Menschen als Jugendspielerinnen und Jugendspieler, sieht, wie sie erwachsen werden, heiraten, Kinder bekommen und sich persönlich und sportlich entwickeln. Nach inzwischen mehr als 45 Jahren Volleyball habe ich da schon einiges erlebt. Wenn ich heute zurückblicke, ist genau das für mich ein großer Teil des Reizes: Nicht nur die Spiele bleiben, sondern vor allem die Menschen.


Hast du einen besonderen Gerechtigkeitssinn?

Ja, einen Gerechtigkeitssinn habe ich definitiv. Allerdings bin ich keine Regelpolizistin, wenn es um die vorgegebenen Abläufe und das ganze Drumherum eines Spiels geht. Da bin ich eher entspannt und lasse auch mal fünf gerade sein. Schließlich soll Volleyball immer noch Volleyball bleiben und keine Verwaltungsveranstaltung werden. Bei der technischen Bewertung des Spiels sieht das allerdings anders aus. Da bin ich schon sehr genau. Wenn ich einen technischen Fehler sehe, dann muss ich ihn auch pfeifen – da hilft auch kein freundlicher Blick und kein „Ach, wird schon gewesen sein“. Mein Anspruch ist, das Spiel als Partnerin zu leiten. Ich möchte ein gutes Sportereignis begleiten und dabei möglichst wenig selbst im Mittelpunkt stehen. Die Mannschaften sollen spielen, nicht mit mir diskutieren. Natürlich muss ich Entscheidungen treffen und Regeln durchsetzen. Aber wenn ich nach dem Spiel das Gefühl habe, dass ich das Spiel gut begleitet habe, ohne unnötig Unruhe hineinzubringen, dann habe ich meinen Job gut gemacht.


Für Ute Zahlten gehören Emotionen zwar zum Volleyball - sie lässt sich von diesen aber nicht anstecken.
(Foto: Thomas Kellershoff)

Was ist der schwerste Moment während eines Spiels?

Der schwerste Moment ist für mich, wenn eine Situation anfängt zu eskalieren und die Emotionen das Spiel zu übernehmen drohen. Denn Emotionen gehören zum Volleyball. Das ist ja auch gut so. Wenn niemand etwas fühlt, können wir auch Briefmarken sortieren. Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen: Was kann ich laufen lassen und wo muss ich eingreifen? Man darf sich als Schiedsrichterin nicht von der Stimmung auf dem Feld anstecken lassen. Wenn zwölf oder mehr Menschen gleichzeitig anderer Meinung sind als ich, hilft es nicht besonders, Nummer 13 zu werden. Dann muss man ruhig bleiben, klar entscheiden und die Situation wieder auf das eigentliche Spiel zurückführen.


Was lernst du als Schiedsrichterin über Menschen?

Man lernt unglaublich viel über Menschen – vor allem darüber, wie unterschiedlich sie mit Druck umgehen. Im Volleyball sieht man innerhalb weniger Sekunden Freude, Enttäuschung, Ärger, Nervosität und manchmal auch eine sehr kreative Interpretation der eigenen Schuldlosigkeit. Ich habe gelernt, dass man Reaktionen nicht immer persönlich nehmen darf. Ein Spieler oder eine Spielerin oder Trainer und Trainerin können in der einen Sekunde ziemlich sauer auf mich sein und fünf Minuten später wieder ganz normal mit mir reden. Man lernt außerdem, sehr genau hinzuschauen. Körpersprache, Blicke, Gesten: Manchmal sagt jemand schon sehr viel, bevor überhaupt ein Wort fällt. Und man lernt, dass Kommunikation nicht nur daraus besteht, viel zu reden. Manchmal ist eine ruhige Geste oder ein Blick wesentlich wirkungsvoller als eine lange Erklärung.


Gibt es eine Entscheidung oder Fehlentscheidung, die dich bis heute begleitet?

Ja, eine Hinausstellung eines Trainers ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Schon zu Beginn des Spiels gab es Provokationen: Blicke und Gesten, die ich wahrgenommen habe. Ich habe das zunächst laufen lassen. Bis Mitte des vierten Satzes wurde die Situation allerdings immer angespannter. Irgendwann war für mich der Punkt erreicht, an dem ich den Trainer hinausstellen musste. Und ich war mir sicher, dass diese Entscheidung richtig und notwendig war. Interessant wurde es dann im fünften Satz: Der Trainer kam wieder zurück – und sagen wir es so: Die Situation hatte sich dadurch nicht gerade wundersam in Luft aufgelöst. Diese Entscheidung ist mir deshalb im Gedächtnis geblieben, weil sie zeigt, dass man als Schiedsrichterin manchmal lange versucht, eine Situation laufen zu lassen. Aber irgendwann muss man eine Grenze ziehen. Und wenn man sie zieht, sollte man auch dazu stehen können. Im Nachgang haben wir beide darüber gelacht und uns zum Kaffee verabredet.


Was hat das Pfeifen mit dem Leben zu tun?

Eigentlich ziemlich viel. Man muss Entscheidungen treffen, obwohl man weiß, dass nicht jeder damit einverstanden sein wird. Das ist beim Pfeifen nicht anders als im Leben. Manchmal hat man nur einen kurzen Moment, um sich zu entscheiden. Und danach gibt es kein Zurückspulen. Das Schöne am Volleyball ist allerdings: Nach dem Punkt kommt der nächste Punkt. Und irgendwann ist der Satz vorbei. Das ist eigentlich eine ziemlich gute Lebensweisheit. Man kann nicht jede Entscheidung rückgängig machen. Aber man kann versuchen, aus ihr zu lernen und beim nächsten Mal wieder eine gute Entscheidung zu treffen. Und man sollte sich nicht zu lange mit dem beschäftigen, was gerade passiert ist. Sonst ist der nächste Ball schon auf dem Boden, während man noch über den vorherigen nachdenkt.


Wie gehst du damit um, wenn alle protestieren, du aber sicher bist: Ich habe es genau gesehen?

Dann bleibe ich bei meiner Entscheidung. Wenn ich etwas eindeutig gesehen habe, bringt es nichts, mich durch lautstarken Protest verunsichern zu lassen. Auch wenn plötzlich 14 Menschen eine komplett andere Wahrnehmung der Situation haben. Ich lasse Diskussionen allerdings nicht ausarten. Ich versuche, ruhig zu bleiben und keine zusätzliche Bühne zu schaffen. Keine großen Gesten, keine langen Erklärungen und möglichst auch keine Grundsatzdiskussion über die Menschheit und die Volleyballregeln. Weiter geht's. Manchmal ist die beste Kommunikation als Schiedsrichterin tatsächlich, möglichst wenig zu sagen. Auch nach dem Spiel. Es ist spannend, wenn sich die Meinungen plötzlich zu meinen Gunsten ändern.


Ist es ein Unterschied, Männer- oder Frauenspiele zu leiten?

Ja, für mich gibt es einen Unterschied. Ganz ehrlich: Ich mag Männerspiele inzwischen lieber. Männerspiele sind aus meiner Erfahrung häufig emotionaler. Männer sagen sich auf dem Feld auch schon einmal ziemlich direkt ihre Meinung. Da kann es durchaus einen verbalen, aber auch sportlichen Schlagabtausch geben. Damit kann ich gut umgehen. Wenn die Emotionen raus müssen, dann bitte auf dem Feld. Bei Frauen erlebe ich es häufiger etwas anders. Da ist es entweder eher harmlos oder manchmal auch ein bisschen zickig. Das kann ich im normalen Leben schließlich auch sein. Als Schiedsrichterin habe ich dafür allerdings keinen Bedarf. Ich glaube aber, dass man als Schiedsrichterin beide Seiten verstehen muss. Emotionen gehören zum Sport dazu, ohne diese wäre es sehr langweilig. Entscheidend ist, dass man weiß, wann man sie laufen lassen kann und wann man eingreifen muss.


Erlebst du gelegentlich Vorbehalte, wenn du ein Männerspiel leitest?

Am Anfang der Schiedsrichterkarriere in den verschiedenen Ligen durchaus. Wenn man als Frau unbekannterweise auf dem Schiedsrichterstuhl steht oder als 2. Schiedsrichter fungiert, wird man nicht unbedingt sofort für voll genommen. Das habe ich auch erlebt. Allerdings hat sich das bei mir relativ schnell gelegt. Sobald die Spieler und Trainer gemerkt haben, dass ich die Spiele mit Verstand und Gespür leite, das Spiel verstehe und selbst lange in der Bundesliga gespielt habe, war schnell ein anderer Respekt da.

Meine eigene Spielerfahrung hat mir dabei sehr geholfen. Ich wusste, was auf dem Feld passiert, wie sich bestimmte Situationen anfühlen und wann man als Schiedsrichterin besser nicht aus einer Mücke einen Elefanten macht. Ich weiß aber auch, dass es gerade für junge Kolleginnen manchmal schwieriger sein kann. Man kann sich auf dem Stuhl durchaus einmal allein fühlen. Besonders dann, wenn der Schiedsrichterkollege an der Seite nicht wirklich hinter einem steht. Deshalb glaube ich: Das eigene Auftreten ist ganz entscheidend. Man muss selbstbewusst sein, die Regeln kennen und Entscheidungen vertreten können. Aber mindestens genauso wichtig ist das Verständnis für das Spiel. Wenn die Mannschaften merken: Diese Frau weiß, was sie da macht, versteht Volleyball und lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen – dann gewinnt man automatisch Respekt. Am Ende zählt auf dem Feld nicht, ob eine Frau oder ein Mann auf dem Schiedsrichterstuhl steht. Es zählt, ob man sein Handwerk beherrscht. Und wenn man das tut, wird aus „Mal sehen, was die Frau da oben macht“ ziemlich schnell ein „Okay, die kann das.“

Zur Person: Ute Zahlten
Ute Zahlten ist 56 Jahre alt und arbeitet in einer Münsteraner Bäckerei in der Bestellannahme und Cateringleitung in Nordrhein-Westfalen. Seit 2020 ist sie in der 2. Volleyball Bundesliga als Schiedsrichterin aktiv. Zudem unterstützt sie im WVV die Nachwuchsarbeit im Schiedsrichterwesen und hat die „blaue Karte“ zum Schutz der jungen Schiedsrichter:innen bei Jugendspieltagen und Meisterschaften eingeführt.

Bericht: VBL-Presseservice